Nahrungsbeschaffung – macht ein Dackel selbst

Eines der wichtigsten Merkmale eines Dackels: die Fähigkeit der selbstständigen Denkens. Wir könnten durchaus auch für uns selbst sorgen, wenn wir uns nicht dauernd um die Zweibeiner kümmern müssten, die mit uns in unserem Haushalt leben. Ich studiere ja nun schon seit gut acht Monaten aktiv Zweibeinerismus und muss feststellen, dass sich dieses Studium glatt zu einer lebenslangen Aufgabe auswachsen könnte.

Der Chef wird ja nicht müde, zu betonen, dass er Dackel so sehr liebt, weil sie eigenständig denken. Auf der anderen Seite scheint er doch häufig so überrascht, wenn ich ihm beweise, dass ich genau diese von ihm doch so geliebte Dackel-Eigenschaft jetzt schon in Perfektion beherrsche…

Unser momentanes Schlachtfeld: meine selbstständige Nahrungsbeschaffung.

Mein Futternapf füllt sich jeden Tag mehrfach. Bisher. Kann ich davon ausgehen, dass es so bleibt? Man weiß es nicht. Außerdem ist die Menge des kredenzten Futters viel zu gering; es reicht meiner Meinung nach gerade mal so zum Überleben.  Ich verlasse mich lieber nicht ausschließlich auf die Zweibeiner. Sicherheitshalber. Also schaue ich draußen immer, dass ich meinen Magen mit den Dingen fülle, die ich selbst auf meinen Erkundungsgängen so finde. Sicher ist sicher! Außerdem sind da manchmal echt spannende und sehr leckere Dinge dabei: so köstliche Sachen wie vergammelte, versteckt im Gebüsch einladend vor sich hin müffelnde alte Wurstbrote oder auf dem Bürgersteig achtlos verlorene, klebrige Gummibärchen. Ich glaube ja, dass der Chef sich in seiner Rolle als Rudeloberhaupt dann irgendwie benachteiligt fühlt, weil ich diese guten Dinge nicht nur zuerst finde, sondern natürlich auch schnell herunterschlinge. Auf sein Ego kann ich in diesem Moment allerdings keine Rücksicht nehmen: da bin ich mir selbst am Nächsten. Wer weiß, ob sich mein Futternapf auch an diesem Tag noch einmal füllt…?

Auf jeden Fall wird der Chef da wirklich anstrengend. Er ist nämlich ernsthaft der Meinung, ich solle ihn vorher fragen, ob ich die (von mir!) gefundene Köstlichkeit nun auch selbst fressen dürfe. Da wird er ja dann echt kreativ, mein Chef. Eine Zeitlang hat versucht, mir mit einem bösen Wort das Fressen dieser Dinge zu verbieten und hat mir stattdessen ein Stück Fleischwurst angeboten. Okay, Fleischwurst ist echt was ganz Besonderes, ich habe mich da ja auch wirklich oft ablenken lassen, bis ich merkte, dass er mich mit der Wurst ganz hinterhältig an meinem gefundenen Schatz vorbeilockte.

Aber ich wäre kein Dackel, wenn ich nicht flexibel meine Strategie geändert hätte…

Ich wandte mich also, offensichtlich gehorsam, von dem vermutlich leckeren und selbst erschnüffelten Apfelkitsch ab, holte mir die Fleischwurst vom Chef – und hatte einen beherzten Sprung und den Bruchteil einer Sekunde später auch noch den Apfelkitsch im Maul und heruntergewürgt.  Sehr schön. Für mich. Mission Verhungern verhindern wieder einmal erfolgreich abgeschlossen. Gut, ich hatte dann eine Zeitlang einen maulenden und schimpfenden Chef am anderen Ende der Leine – aber diese akute Verstimmung hält bei meinen menschlichen Rudelmitgliedern nie lang an, das weiß ich schon lange.

Zum Glück sind Zweibeiner nicht so konsequent wie Krummbeine.

Dieses Spiel ging eine Weile gut, dann merkte der Chef aber offensichtlich doch, dass er im Moment seines Triumphes („Lucy hat mich angeschaut und es nicht sofort gefressen! Hier, ein Stück Wurst für dich, du toller Dackel!“) nachlässig wurde – und ich der Sieger nach Punkten blieb: ich fraß die Wurst vom Chef und dann schnell noch meinen gefundenen Schatz. Eigentlich fand ich, dass das eine tolle Lösung war. Der Chef war doch glücklich (zumindest zeitweise) – und ich satt. Aber wie das so ist mit den Zweibeinern: Der Chef will unbedingt immer alles alleine bestimmen… Also ließ er sich etwas Neues einfallen. Etwas ziemlich Gemeines:

Die Wasserflasche

Ich hasse Wasser von oben. Nasse Wiesen, schlammige Wege, morastige Pfützen: alles kein Problem für mich. Aber Wasser von oben? Regen? Bäh pfui. Keinen Meter gehe ich draußen freiwillig, wenn der Chef das Wetter kaputt gemacht hat. Nun, seit Neuestem schleppt der Chef also gerne eine große, mit Wasser gefüllte Flasche mit, wenn wir rausgehen. Und ich habe sehr schnell gemerkt, dass mich jedesmal, wenn ich gerade fast eine draußen erschnüffelte Köstlichkeit in meiner Schnauze verschwinden lassen möchte, ein äußerst fieser und sehr nasser Wasserstrahl trifft. Wie ich es hasse! Sobald ich nur das verräterische Knacken der Plastikflasche höre, ändere ich sofort meine Richtung. Nicht, dass ich, quasi aus Versehen, über etwas potentiell Fressbares stolpere…

Dieses mit Wasser gefüllte Ding ist zum Glück ziemlich unhandlich – der Chef ist manchmal der Meinung, er müsse es nicht mitnehmen. Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Ich weiß selbstverständlich genau, ob sich die Flasche in der chef´schen Jackentasche versteckt oder nicht. Falls nicht…: Nun ja. Muss ich wirklich erzählen, wer sich dann seine vermutlich lebensnotwendige Nahrung selbst sucht…?

Wenn der Chef diese Flasche allerdings mitnimmt, muss ich also entweder sehr schnell sein, warten, bis er abgelenkt ist oder, im schlimmsten Fall, die unfreiwillige Dusche eben billigend in Kauf nehmen. Ich sage Euch: es lohnt sich wirklich manchmal.

Andererseits ist es aber auch so schön zu sehen, wie einfach Menschen doch glücklich zu machen sind: wenn ich mir nicht sicher bin, ob der Chef (mit der Flasche im Anschlag) nach mir schaut und ich sicherheitshalber vor dem Genuss einer vor sich hin gammelnden Köstlichkeit noch schnell einen Blick zu ihm riskiere. Er interpretiert das als Erziehungserfolg, freut sich, schiebt mir ein Stück Wurst ins Maul, dreht sich um und geht weiter. Die drei Sekunden, die er braucht, um zu realisieren, dass der Dackel nun nicht, wie erwartet, die ursprünglich gefundene Köstlichkeit aus seiner Wahrnehmung gestrichen hat und unternehmungslustig an ihm vorbei sprintet, reichen mir völlig, um schnell doch noch einen Happen des mir so offensichtlich missgönnten Mahls zu nehmen.

Ich kann dem Chef ansehen, dass er angestrengt darüber nachdenkt, mir auch diesen Erfolg wieder zu vergällen – er kann halt einfach ganz schlecht damit leben, häufig nur der zweite Sieger zu sein, glaube ich.

Ich bin gespannt, was er sich als nächstes ausdenkt und werde mir natürlich auch weiterhin Mühe geben, seine Erwartungen an einen mitdenkenden und entscheidungsfreudigen Dackel nicht zu enttäuschen.