Du bist ein Jagdhund, kein Wachhund!

Ich habe schon lange nichts mehr zu meinen Erziehungsbemühungen bei meinen mitlaufenden Zweibeinern geschrieben. Zeit, das nachzuholen!

In der letzten Zeit stand wieder mal vermehrt das Thema „Wer begrüßt wie Besucher in der (meiner) Wohnung oder im Büro“ auf dem Programm. Wir haben uns da jetzt auf einen Kompromiss geeinigt: Wenn ich an unsere Abmachung denken sollte und sie nicht im Eifer des Gefechts vergesse (diese Einschränkung ist ganz wichtig!), belle ich natürlich weiterhin, aber eben leiser.
Der Chef scheint meine Lösung noch nicht so ganz zu akzeptieren – aber er wird sich schon noch meiner Meinung anschließen. Manchmal braucht er schließlich einfach ein bisschen mehr Zeit, um dackelgeschaffene Tatsachen zu akzeptieren; das weiß ich ja.

Das Zusammenleben Mensch/Hund ist doch eigentlich viel entspannter, wenn wir einer Meinung sind.

Meiner.

Wenns klingelt (oder, noch viel erregender: wenns an der Tür klopft) , bin ich hellwach und teile dem Einlass begehrenden sofort mit, dass hier ein Dackel wacht. Manchmal ist das sogar von doppeltem Nutzen: der Chef schreckt z.B. senkrecht von seinem Abend-Sofa-Schläfchen hoch und ist überraschenderweise sofort wach (sonst dauert das immer ewig, bis er dann ansprechbar ist). Und wer möchte schon mit einem verschlafenen Gesichtsausdruck die Tür öffnen? Eben.
Bisher hat er sich für meine Unterstützung noch nie bei mir bedankt… Aber er ist ja auch manchmal eher langsam. Ich kann warten und nehme es ihm bisher nicht übel.

Nicht so gut finde ich dagegen seine in letzter Zeit vermehrt launige Reaktion auf meine Unterstützung: statt mir dankbar zu sein, dass wenigstens einer hier immer aufmerksam ist und unser Heim gegen potentielle Einbrecher verteidigt, wird immer öfter gemault: „Leise, Lucy! Einbrecher klingeln nicht und ich hab schon gehört, dass da jemand an der Tür ist…“. Ja ja. So tief, wie der Chef schlafen kann, merkt der nicht, wenn man ihm das Sofa unter Hintern weg klaut…

Ich bin aber trotzdem und immer noch gerne bereit, ihn da zu unterstützen – auch, wenn er das zur Zeit nicht entsprechend würdigt. Verständnislosigkeit der Menschen bin ich ja gewohnt – Erziehung und Formung von Zweibeinern ist und bleibt anstrengend – Motte hatte mich gewarnt.

Nun gut. Es klingelt also an der Tür. Weils der Chef sagt, glaube ich ihm mal: das werden wohl keine Einbrecher sein. Meist kommen eigentlich sehr nette Menschen zu Besuch – und die Erfahrung hat mich gelehrt, dass die auch an dem unbefugten Gebrauch meiner Spielzeuge eher uninteressiert sind. Aber: weiß ichs…? Stellt euch vor, da kommt jemand und will meinen alten, ausgelutschten Kauknochen haben. Ich mag ihn nicht mehr – er liegt deshalb gut versteckt unter dem Sofa. So. Aber wenn den sich nun jemand nehmen wollen würde? Ohne mein ausdrückliches Einverständnis? Dann hab ich den Stress – nicht der Chef… Es gibt schließlich Regeln!

Gut, es sind meine Regeln – aber ich halte sie wenigstens auch konsequent ein.

Es klingelt also. Ich belle und teile das sicherheitshalber jedem im Umkreis von gut 500 Metern mit.
Vielleicht haben ja auch andere Zwei- oder Vierbeiner noch versteckte Knochen oder wichtige eigene Regeln! Und überhaupt: wer möchte hier rein, wieso, was will er in meinen heiligen Hallen? Das gilt für mein Revier zu Hause genau so wie für mein Büro. Ich bin da echt großzügig und teile meine Aufmerksamkeit gerne. Der Chef reagiert da immer sehr verschnupft und mault: Ich soll leise sein, in mein Körbchen gehen, die Kontrolle, ob es sich um einen berechtigten Besucher handelt, dem Chef (oder den Kollegen) überlassen. Er versteht echt gar nichts… Ich bin doch hier der Wachhund. Die Zweibeiner sind da nachlässig und öffnen die Tür immer ohne vorherige Klarstellung der Hoheitsansprüche…

Gut, eigentlich freue ich mich sehr oft über die Leute, die da so kommen – dann ist das eben kein Warnbellen, sondern laute Vorfreude. Vorfreude ist was sehr Schönes, sagt der Chef sonst immer. Ja, was denn nun?

Ein kleines Kind wirft seinen Löffel vom Hochstühlchen. Einmal, 20mal, 200mal. Er fällt immer nach unten. Immer…? Und was, wenn das Löffelchen beim genau nächsten Mal das eben nicht tut? Wer weiß das schon?

Du bist ein Jagdhund, kein Wachhund…

Wenn es klingelt, muss ich seit Neuestem in mein Körbchen hopsen, still sein und warten, bis die Zweibeiner den Besuch begrüßt und beurteilt haben und darf erst auf ausdrückliche Freigabe aufstehen – und die dauert manchmal echt lange…! Das hält doch kein verantwortungsbewusster Hund aus. Dabei komme ich ihm schon entgegen: ich belle nicht mehr dauerhaft laut, meist nur ein, zweimal. Das reicht, um die volle Aufmerksamkeit des Chefs zu erhalten. Und danach belle ich ganz, ganz leise – ganz den Mund verbieten lasse ich mir als mündiger Dackel natürlich nicht. Ich habe herausgefunden, bis zu welcher Lautstärke meine Lautäußerungen noch toleriert werden – und komme also immer noch meiner Pflicht nach. Guter Kompromiss, oder?


Manchmal klingelt es übrigens seit Neuestem gleich mehrfach hintereinander; ich muss in meinen Korb, warten, bis der Chef sein okay gibt und darf dann erst schauen, wer meinen Flur betreten hat. Ich glaube ernsthaft, dass mich mein Rudel einfach nur ärgern möchte und für ein bisschen dumm hält: Es klingelt, ich muss ins Körbchen und auf die Freigabe warten – und herein kommt immer der gleiche Zweibeiner.

Ja ne, is klar.

Ich hab natürlich schon beim zweiten Klingeln verstanden, dass das hier ein Fake ist. Aber gut, wenn es den Chef glücklich macht… Er freut sich dann wie Bolle, dass ich liegenbleibe und nur leise, vor mühsam unterdrückter Erregung zitternd vor mich hin maunze – ich muss schließlich immer das letzte Wort haben (das ist Dackel-Erziehungstaktik und ganz, ganz wichtig!).

Und ich passe trotzdem weiter auf. Der Chef wird mir irgendwann mal Dankbarkeit und Respekt zollen müssen – da bin ich mir ganz sicher.

Anmerkung: aus irgendeinem Grund kann ich heute keine Fotos hochladen…