Die Sprache der Dackel

Viele Hundebesitzer sind davon überzeugt: die Vierbeiner verfügen über eine wesentlich höhere  Intelligenz als ihnen in (menschengemachten) wissenschaftlichen Studien zugestanden wird.
Gerade Dackel sind aber auch sehr gut imstande, dieses menschengefühlte Verständnis sehr gut zu verstecken. Sie arbeiten lieber subtil.

Die Kombination aus „ich könnte, wenn ich wollte“ und „wieviel Einsatz muss sein?“ führt oft dazu, dass der Dackel ein für ihn sehr angenehmes Leben führen kann. Die größte Herausforderung im Dackelleben ist die Erziehung seines Personals und damit die Optimierung seines eigenen Seins. Der Hund lernt relativ schnell, dass eine unterschwellige Manipulation des betreuenden Menschen in enger Zusammenarbeit mit der dackeleigenen Mimik die größten Erfolge verspricht.

Ich spreche aus Erfahrung. Ich gebe mir große Mühe, damit aus meinen beiden Teenagern vernünftig und eigenverantwortlich denkende und entsprechend handelnde Menschen werden. Und stelle immer wieder fest: ich kann in Erziehungsangelegenheiten noch viel von unserer Motte lernen.

Als erwachsener Mensch mit doch einiger Lebenserfahrung erkenne ich durchaus, dass auch ich nach wie vor von meinem Dackel erzogen werde. Ebenso merke ich, dass ich dabei regelmäßig dem dabei eingesetzten Dackelcharme erliege. Ich habe schon versucht, diese Erkenntnis zur Formung meiner Kinder zu nutzen, scheitere allerdings oft am von den Kindern mittlerweile perfekt adaptierten Dackelblick.

Mal wieder kommt mir die Erkenntnis ins Bewusstsein: Motte ist nicht wirklich (von mir und nach allgemein gültigen menschengewollten Maßstäben) erzogen. Sie kennt Befehle und weiß sehr genau, was ich erwarte, wenn ich sie ausspreche. Allerdings kennt der schlaue Hund auch die (von meiner Seite meistens nicht ganz so dramatischen) Folgen bei Nichtbefolgen derselben.

Shame on me.

Zumindest bei uns ist es so, dass die offensichtliche Befehls-Ignoranz (manchmal auch wohlwollend „dackelige Selbstinterpretation“ genannt) des Dackels genau eine Ursache hat: mich.

Ich habe das Glück, einen Dackel mit einem wundervollen Wesen als Freund zu haben. Selbstverständlich nutzt das arme, kleine, schließlich auch mittlerweile gehandicapte Wesen mich und meine Inkonsequenz ziemlich schamlos aus. Allerdings achtet sie auch darauf, es nicht zu übertreiben (um nicht am Ende einen Hundeprofi wie Martin Rütter im Haus zu haben; denn dann, und das weiß der Dackel – davon bin ich überzeugt – hätte das entspannte Leben schließlich ein Ende).

Meine Hunde wurden bisher immer von mir (vermutlicherweise hundeerziehungstechnisch verwerflich) vermenschlicht. Ein immer wieder von echten Hundetrainern und Wissenschaftlern beanstandeter Fehler, ich weiß.

Dennoch, und das ist eben meine „Macke“: meine Hunde sind (und waren) meine Freunde, nicht meine zur allgemeinen Zerstreuung und Familienkomplettierung angeschafften Haustiere. Interessanterweise waren sich alle meine Hunde vom Wesen her ähnlich. Es findet zusammen, was zusammen gehört. Keiner meiner Hunde war so dominant und selbstbestimmt, dass er (bzw. sie, es waren alles Hündinnen) so auf die hundeeigenen Rechte bestand, dass ich mit ihnen ein wirkliches Problem hatte.
Sonst wäre ich vielleicht auch etwas anders in meinem Umgang mit ihnen – schließlich habe ich ja eigentlich (und nach wie vor) Angst vor Hunden.

Motte erzieht mich.
Ja.
Aber sie gibt mir auch sehr viel zurück. Sie vertraut mir – ich bin trotz ihres Wissens um ihre Manipulationsgewalt gegen mich – der von ihr offiziell anerkannte Chef. Der allerdings manchmal für das ihr eigene Dackelbewusstsein unsinnige Dinge verlangt. Aber ähnlich wie meine hauseigenen Teenager hat Motte erkannt, dass das gelegentliche Hinwerfen von menschengerechten Leckerchen („gewünschtes Verhalten“) zu einer positiven Grundstimmung beiträgt. Und es damit wesentlich leichter macht, unpopuläre, hunde- (oder teenager-) gewollte Entscheidungen durchzusetzen.

Der Dackel weiß sehr genau um die Wirkung seiner treuen Augen, die im akut benötigten Fall noch eine Nuance dunkler und größer werden können als normal – und natürlich um die Wirkung von (offenbar) resigniert hängenden ( oder auch „zum segeln bereiten“) Ohren.

Motte hat noch eine weitere Kommunikationsmöglichkeit für sich entdeckt: die Artikulation.

Hunde können nicht sprechen. Sagt man. Wie oft denke ich mir (und höre auch von anderen Hundebesitzern) den Seufzer: „Ach, könnte mein Hund mir doch einfach sagen, was los ist, wo es weh tut, was er gerade möchte“. Alles wäre doch so viel einfacher, wenn ein Hund mehr wie ein Mensch wäre. Oder…?

Die menschliche Wahrnehmung setzt sich durch das Zusammenspiel der Sinnesorgane zusammen. Allerdings haben beim gesunden Menschen nicht alle Sinne die gleiche Relevanz. Und schon gar nicht die gleiche Wertigkeit wie die des besten Menschenfreundes, des Hundes. Hunde orientieren sich schwerpunktmäßig mit der Nase und dem empfindlichen Gehör. Der gesunde Mensch hingegen (und hier gehe ich von mir aus) reagiert in erster Linie auf visuelle Impulse in Kombination mit der akustischen Wahrnehmung von Sprache. Die anderen möglichen, menschlichen Sinneswahrnehmungen haben eine ergänzende, in ungünstigen Fällen auch eine den Menschen irritierende Komposition eines Gesamtbildes zur Folge.

Der „Rest“ (außer sehen und hören) ist auch wichtig, aber zumindest bei mir eher von nachrangiger Bedeutung (wobei ich es sehr liebe, die Wärme diese kuscheligen Hundes zu spüren… Auf den Geschmack meines Dackels bin ich dagegen nicht ganz so erpicht).

Hunde können im Allgemeinen nicht sprechen. Aber artikulieren können sie sehr wohl. Der kluge Dackel erkennt, dass der Mensch mit der rein optischen Wahrnehmung von Hundesignalen oft überfordert ist. Also wird der vom Menschen als so wichtig empfundene Sinneseindruck, die Akustik, in die hündischen Kommunikationsmittel vermehrt mit aufgenommen.

Zumindest bei meinem Dackel.

Wobei mir durchaus bewusst ist, dass Motte die akustische Kommunikation nicht aus Liebe zu mir entwickelt hat, sondern es sich hier um eine typisch tierische Ergänzung der Hunde-Verständigung handelt. Dennoch bin ich der Meinung, dass gerade mein Hund die in der Hundwelt eher zusätzliche Verständigungsmöglichkeit aus akutem Bedarf (der Chef ist eben nicht so visuell veranlagt) ausgebaut hat.

Neben dem allbekannten Knurren (auch hier gibt es unterschiedliche Intensitäten, über die ich selbst aber keine nennenswerten Erfahrungswerte habe) und dem Bellen in verschiedenen, dem Anlass und der Wichtigkeit nach in entsprechenden und unterschiedlichen Tonlagen) verfügen Hunde (und vor allem mein Dackel Motte) über weitaus verfeinerte Laute zur Verständigung (mit dem Menschen).

Selbst das bekannte Knurren von Hunden ist in der Intensität und Ernsthaftigkeit zu unterscheiden. Hunde knurren durchaus unterschiedlich – sei es beim (eher harmlosen ) Spiel mit Artgenossen oder einem Menschen oder „ernsthaft“ im Fall der Verteidigung oder Abschreckung). Um diese, bereits oft erwähnte erwähnte und gewürdigte Lautäußerung soll es aber heute nicht gehen.

Wird unser Dackel gekrault oder sanft massiert (vor allem an Stellen, die sie selbst wegen ihres Handicaps nicht oder nur schwer selbst erreichen kann), beginnt Motte, wie eine Katze zu schnurren. „Böse“ Zungen in unserem Haushalt nennen diese Laute manchmal „Grunzen“. Da ich dieses Wort aber mit Tieren assoziiere, die in meinem persönlichen Verständnis nicht unbedingt das Attribut „süß“ verdienen, neige ich trotz meiner eigentlichen, persönlichen Abneigung gegen Katzen doch eher dazu, die „schnurr“- Bezeichnung als treffend einzustufen. Je nach Intensität und Wohlfühlfaktor des Dackels übernehmen die Geräusche den gesamten kleinen Dackelkörper – Motte schnurrt – und teilt mir zusätzlich mit jeder einzelnen, reagierenden Körperpartie mit, wie unglaublich schön die krabbelnden oder massierenden Berührungen für sie sind. Könnten Dackel/Hunde eine Gänsehaut bekommen (könnten sie…?), ich bin mir sicher, dass den ganzen Hund unter dem dichtem Fell in diesem Moment eine kräuselig-pickelige Hautoberfläche überzieht.

Bestätigt durch das wohlige Entspannen des Häufchen Hunds in meinen Armen und dem hingebungsvollen Schnurren („grunzen“) kann ich mir sicher sein, dass Motte gerade in diesem Moment ihr Dasein sehr genießt. Sie unterstreicht den rein visuellen Eindruck sicherheitshalber durch ihre Lautäußerungen. Sie weiß, dass dies meine persönliche Wahrnehmung bestätigt. Ziemlich clever.

Seit neuestem schnarcht der schwarze Satansbraten auch. Da dies jedoch (aus der Menschenwelt übertragen) ein nicht unbedingt optimales Zeichen sein könnte, beobachte ich es und werde es beim nächsten Tierarztbesuch ansprechen. Eine Lautäußerung ist Schnarchen aber definitiv. Gerade dieser Dackel, der aufgrund des Wirbelsäulenproblems (nach meiner unprofessionellen Meinung) doch vermutlich am sinnvollsten lang ausgestreckt, also mit einem geraden Rücken, liegen sollte, rollt sich sehr gerne zu einem Bündel zusammen, vergräbt die Nase unter den Vorderpfoten und träumt wild – inklusive leisem Bellen (wenn ich fies wäre, könnte ich es auch „fiepen“ nennen) mit wilden, meist an wild buddelnde krumme Beine erinnernde Pfötchenbewegungen. Zu gerne wüsste ich, was in diesem Moment der totalen Hingabe im Dackelkopf vor sich geht. Woran sie denkt – können Hunde denken und träumen wie Menschen? Wenn ja, wovon träumen Hunde? Wenn nein – warum kommt es mir so interpretationsgewohnt vor? Vielleicht sind die Denkweisen von einem domestizierten Hund und dem ja so hoch entwickelten Menschen in den Grundverhaltensweisen doch nicht so verschieden…? Ich bin kein Wissenschaftler. Ich bin ein durchschnittlich intelligenter Mensch, der aus dem Verhalten seines geliebten Haustieres seine eigenen Schlüsse zieht (oder auch: ziehen möchte.). Ich bin damit aber nicht allein. Und war auch bisher nicht davon zu überzeugen, dass es sich bei dem Verhalten meines Hundes um rein tierische, instinktbedarfte Verhaltensweisen handelt. Möchte ich auch nicht. Mein Hund ist „nett“ (und auch meine bisherigen Hunde waren dies!); bereit, sich mir und meiner Vorstellung von einem Zusammenleben anzupassen (und intelligent genug, mich entsprechend zu manipulieren, um das angenehme Hundeleben weiterhin zu erhalten). Mit echten „Problemhunden“ habe ich keinerlei Erfahrung und verweise hier gerne auf erfahrene Trainer.

Meine eigene Erfahrung zeigt: Die meiste Kommunikation zwischen meinen Hunden und mir findet aktiv statt. Wenn Motte sich beim Sonnenbad auf dem Balkon durch unachtsam Lärm verursachende Menschen in ihrer (natürlich wohlverdienten) Ruhe gestört fühlt oder auch andere, nicht sichtbare und vor allem unbekannte Hunde in der Ferne bellen hört, weist sie diese durch ihr eigenes Bellen zurecht. Vielleicht bedeutet ihre Lautäußerung auch einfach nur ein „ich kann dich hören – du bist nicht allein auf dieser Welt“. Mein hundisch ist eher nicht so ausgefeilt – die genaue Bedeutung kann ich oft erahnen, aber selten definitiv bestimmen.

Außerdem werden natürlich beim Spaziergang andere Hunde zunächst aus der Entfernung akustisch in ihre Grenzen verwiesen (die Gründe hierfür liegen oft vermutlich wieder mal bei mir, siehe auch Der Dackel an sich – Teil II).

Wenn ich (der Chef) das Bellen aber nicht tolerieren möchte, sage ich zu Motte mit ruhiger Stimme (ich möchte ja nicht zurückpöbeln): „Leise“.

Und das ist einer der Gründe, weshalb ich fest davon überzeugt bin, dass mein Hund mich versteht (und, wenn sie wirklich wollte, wahrscheinlich auch lesen und schreiben könnte…).

Sie bellt natürlich noch einmal – allerdings deutlich leiser. Ich wiederhole meine „Bitte“ – und Motte antwortet noch einmal um einige Nuancen lautstärkereduziert. Sie ist ein Weib – und dazu noch ein Dackel und behält (auch im Machtkampf mit Frauchen) das letzte Wort – aber dann eben sehr leise, für menschliche Ohren kaum noch zu hören.

Kann ich mit leben – auch wenn ich natürlich registriere, dass ich irgendwie nicht wirklich ernst genommen werde. Geht doch.

Falls jemand in meiner unmittelbaren Umgebung unseren internen, aktuellen Machtkampf mitbekommt, sorgt dies jedesmal für allgemeine Erheiterung. Mir egal.
Mein Ziel ist erreicht, der Dackel „hört“ auf mich und artikuliert sich in einer menschenohr-tolerierbaren Lautstärke. Letztendlich „fiept“ sie nur noch, hat aber natürlich ihren Willen behalten und ihre Meinung-  wenn auch nur noch sehr leise – kundgetan. Und natürlich hat sie das letzte „Wort“.

Zum Glück habe ich einen so intelligenten und gutmütigen Hund, der dieses Machtgefühl mir gegenüber noch nie ausgenutzt hat. Es ist eine win-win-Situation – für uns beide.

Wenn Motte den Opa (meinen Vater) anspornt, die Leckerchen schneller in den Intelligenz-Ball zu füllen, kann sie etwas fordernder werden. Aber auch hier denkt sie mit und vermeidet eine zu fordernde, direkte Lautstärke, die eventuell zu einer dackel-unerwünschten Reaktion führen könnte: Tadel nämlich. Sie weist den Menschen mit einschmeichelnden, teilweise rollenden, an Gurgeln erinnernden, aber dennoch sehr nachdrücklichen Lauten darauf hin, dass das Befüllen des Lieblingsballs mit Leckerchen nun wirklich oberste Priorität und selbstverständlich unverzüglich zu geschehen hat.

Opa folgt der liebevollen und nachdrücklichen Aufforderung natürlich – gut erzogen – zeitnah.

Dem vom Dackel sicherheitshalber eigesetzen folgenden Zusammenspiel aus Augen, Ohren und sehr bewusst eingesetzter Hunde-Sprache konnten sich bisher nur sehr wenige Menschen wirklich entziehen. Ich kann das  – und das gebe ich ehrlich zu – sowieso nicht.

Mein persönliches Fazit: Ich habe erkannt, dass dieser unser Dackel so intelligent ist, dass es ihr ohne weiteres möglich ist, durch unterschwellige und in Maßen eingesetzte Manipulation den „härtesten“ und erzieherisch unbezwingbarsten Menschen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Der „Handicap-Faktor“ ist bei Motte mittlerweile ja leider definitiv vorhanden, aber nicht ausschlaggebend.

Die dackelige Erkenntnis, dass Sprache in der menschlichen Skala sehr hoch angesiedelt und damit nahezu ein Garant für die hundegewünschte Reaktion ist, ist meiner Meinung nach wesentlich höher anzusiedeln.

Wer sich in die Fänge eines Dackels begibt, muss sich bewusst sein, dass er hier hier keinem willenlosen Befehlsempfänger gegenüber steht. Wer es jedoch schafft, sich trotz der hohen Manipulationsgefahr (zumindest zum Teil) durchzusetzen, hat einen lebenslangen und treuen Freund an seiner Seite – der sogar die vom Menschen bevorzugte – sprachliche – Kommunikationshürde erklimmt.

Dackel können durchaus (wortlos) sprechen. Und der kluge Dackel redet so, dass der angesprochene Mensch ihn auch verstehen kann.

 

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