Die Erziehung des Personals: ein Resümee des Teenager-Dackels

Seit fast einem Jahr bin ich jetzt auf dieser Welt – Zeit für ein Resümee zur Erziehung des Dackels und des Personals. Der Chef, mein Rudel und ich: wir sind ein eingeschworenes Team. Und trotzdem gibt es oft Situationen, wo ich mir denke: „Hallo, das Thema hatten wir doch schon mal! Hatte ich nicht deutlich kundgetan, dass ich situationsbedingt entscheide, ob und wie ich auf Deine Bitte reagiere?“

Ich sag euch, wenn dackel nicht dauernd dranbleibt… Klar weiß ich, dass der Chef gerne möchte, dass ich mich setze (oder hocke), wenn er dieses eine Wort sagt, dessen Bedeutung ich natürlich sehr gut kenne – ich bin ja nicht dumm. Häufig komme ich seinem Wunsch ja auch nach. Manchmal finde ich es aber völlig unangebracht (was dann genau gerade nicht stimmt: der Anlass, der Boden oder auch einfach die allgemeine Situation – ist ja egal). Der Chef wollte einen vierbeinigen Gefährten, der mitdenkt. Nun gut, den hat er ja nun! Irgendwie habe ich aber den Eindruck, dass das auch wieder nicht richtig ist – denn manchmal reagiert der Chef völlig überzogen, wenn ich auf eine seiner zahlreichen Empfehlungen nicht sofort reagiere.

Ich bin jetzt fast ein Jahr auf dieser Welt – und ich bin nicht nur körperlich gewachsen – selbstverständlich auch geistig. Ich nehme nicht alles als gegeben hin, nur, weil einer meiner Rudelkollegen es behauptet und selbstverständlich stelle ich auch allebisherigen Regeln in Frage.

Aber das haben wir doch schon immer so gemacht…

Der Chef mault dann gerne und wirft sein nichtssagendes BlaBla in den Raum: „Die Lucy ist jetzt wohl ein Teenager, gestern hat das doch noch alles funktioniert!“. Funktioniert. Ah ja. Ich bin doch keine Maschine…

Heute hatten wir beim großen Spaziergang eine schöne Möglichkeit des Kräftemessens. So viele frische Maulwurfshügel – die ich natürlich alle auf anwesende Bewohner untersuchen musste. Der Chef wollte weiter – er ist manchmal so furchtbar ungeduldig… Eine geschickte Drehung von mir – und das lästige Ding, das mich am Verfolgen meiner eigenen Wege so oft hindert, war entfernt. Der Chef glaubt immer noch, dass ich nicht wüsste, wie ich das Ding abstreifen kann. Ich ließ ihn bisher auch immer in diesem Glauben – ich war mir sicher, ich könne mein Wissen irgendwann gut gebrauchen. Wie immer hatte ich da Recht. Ich genoss also meine grenzenlose Freiheit! Der Chef verfiel sofort in leichte Hektik, sank auf die Knie und rief in wechselnden Tonfällen lustige Dinge. Ob er wohl weiß, dass er da ein in Hundeaugen recht amüsantes Bild abgab…? Nun, wir wollen bei der Wahrheit bleiben: auch ich wurde leicht hektisch – wollte ich meine Freiheit doch ausgiebig ausnutzen und versuchte gleichzeitig, mehrere Erdhügel zu bebuddeln, zu flitzen und schaute, ob irgendetwas Fressbares in meiner Nähe war!

Ich bin ja zum Glück des Chefs ein äußerst gutmütiger Dackel, und so ließ ich den Chef nicht so lange zappeln und bequemte mich, nachdem meine Euphorie etwas verraucht war, doch wieder zu ihm. Er glaubt jetzt sicher, dass es an der letzten der vielen – durchaus in ernstem Tonfall gesprochenen – Empfehlungen lag. Oder an der knisternden Tüte, in der sich die köstlich duftenden Stückchen Harzer Käse befinden. Ich lasse ihn in dem Glauben. Dass ich seine mühsam versteckte Verzweifelung und aufsteigende Panik geradezu riechen konnte und es halt einfach nicht mag, wenn er nicht glücklich ist, behielt ich für mich. Gut, es war auch gerade nichts besonders Spannendes in meinem Blickfeld (Vögel, Enten, andere Hunde, Radfahrer, Jogger oder so). Also gab ich nach. Der Klügere und so…

Und weil ich ja weiß, dass der Chef sich dann freut, lief ich dann ohne weitere Bitte eine Zeitlang ganz eng neben seinen Füßen. Und setzte mich an der Straße, die wir dann überqueren mussten, selbstverständlich und sogar ganz ohne Aufforderung neben ihn, schaute ihn freundlich an und wartete, offensichtlich ergeben, auf seine Freigabe zum Weiterlaufen.

Ihr hättet es sehen sollen: so einfach sind Zweibeiner glücklich zu machen!

Gut, das mit dem „sofort kommen“, wenn man mich ruft, klappt nicht immer (sofort). Aber doch ziemlich oft, finde ich. Dafür habe ich viele andere Wünsche des Personals doch schon so verinnerlicht, dass ich da gar nicht mehr diskutiere: meine „Geschäfte“ erledige ich nur draußen, selbst nachts kneife ich lieber alles zusammen, obwohl es da manchmal doch ganz angenehm wäre, einfach nur ein paar Schritte auf den Teppich zu gehen…

Wenn der Chef möchte, dass ich an einer Stelle bleibe, bis er wieder kommt, dann bleibe ich halt, ich weiß ja, dass es dann quasi fürs Nichtstun immer eine leckere Belohnung gibt.

Wenn der Chef sich meinen wunderbaren Kauknochen anschauen möchte, obwohl ich ihn doch gerade hingebungsvoll bearbeite, dann bekommt er ihn eben. Okay, ungerne – aber er bekommt ihn. Ich verstehe nicht, was das soll: er schaut sich den Knochen an, spricht unverständliches, aber begeistertes BlaBla, leckt noch nicht mal dran (!) und dann bekomme ich ihn halt wieder. Finde ich zwar sehr seltsam, aber wenn es den Chef glücklich macht: bitte. Ach, es gibt noch viel mehr Dinge, die ich ihm zuliebe tue, wenn er es möchte – ohne (viel) zu diskutieren.

Manchmal stehe ich ewig (leicht sabbernd) vor meinem gefüllten Futternapf, weil das Personal die „Freigabe“ vergisst. Und: maule ich etwa deswegen? Nein.

Obstsalat. Lecker. Und ich darf noch nicht dran…

Die Zweibeiner sollten sich manchmal etwas entspannen und doch einfach mal sehen, was ich schon alles kann, statt auf ein paar Kleinigkeiten herumzureiten, bei denen ich (natürlich) die Zweckmäßigkeit in Frage stelle.

Gute, nachhaltige Erziehung braucht Zeit; das habe ich übrigens auch schon gelernt. Zweibeiner neigen dazu, immer genau das zu sehen, was gerade nicht so klappt wie menschengewünscht, statt unsere gemeinsamen Erfolge anzuerkennen.

Mein Resümee: ich habe noch viel Arbeit vor mir.