Der Hund als Familienmitglied

Jeder definiert Familie vielleicht ein wenig anders.

Der Mensch arrangiert doch sich eigentlich immer mehr oder weniger gut mit der momentanen Situation: Mann und Weib, Mann und Mann, Weib und Weib, Weib ohne Mann (oder umgekehrt) – Kinder oder keine Kinder.

Nun, wir leben unsere kleine, vielleicht etwas unkonventionelle Großfamilie: mit Opa, Tante, Großtante, Kindern. Und natürlich Motte. Der Dackel gehört selbstverständlich dazu. Als vollwertiges Mitglied. Mit allen Bedürfnissen, die ein Familienmitglied nun mal so mit sich bringt.

“Als Ergänzung unseres Lebens und natürlich als Spiel- und Lebens-Lern-Kameraden für die Kinder holen wir einen Hund dazu”. Sehr oft ist das, meiner Erfahrung nach, die geistige Geburtsstunde eines Familien-Hundes.

Mir ist natürlich bewusst, dass “man” einen Hund nicht vermenschlichen soll.

 Ich tue es trotzdem.

Menschen in Eurer Umgebung mit tiefen Ringen unter den Augen und wenig Lust auf abendliche Streifzüge durch die Clubs der Stadt müssen nicht unbedingt plötzlich “alt und langweilig” geworden sein oder ein Kind bekommen haben.

Vielleicht sind sie einfach “auf den Hund gekommen”.

Wer des nachts auf unbequemen Iso-Matten schläft statt im gemütlichen Bett und zwischen zehn und sechs Uhr morgens mindestens dreimal aufsteht, um den vierbeinigen Familiennachwuchs ins Freie zu tragen, der sieht halt tagsüber nicht immer frisch und gebügelt aus.
Wer gerade erst damit begonnen hat, mit einem kleinen, armen, immer zu dummen Ideen aufgelegten Wicht das minutenweise Alleinebleiben zu trainieren, findet keine Ruhe bei längerer (oder auch kurzer) Abwesenheit – und wenn es nur um den notwendigen Aufenthalt im Badezimmer geht.
Wer einem knuddeligen Vierbeiner ein neues Zuhause bietet, hat sich im Grunde damit abgefunden, dass zweiwöchige Urlaube in der Karibik nun dem hundefreundlichen Ferienhaus an der Nordsee gewichen sind.

Und zwar für einen durchaus längeren Zeitraum.

 Hundeliebe halt. Auch Familie.

 Viele Menschen “ticken” wie ich. Nicht alle, natürlich.

Vor dem Neukauf der Familienkutsche wird selbstverständlich die Hundebox vermessen und mit dem Kofferraum des favorisierten Vehikels verglichen (so ähnlich wie bei Erdenbürgern, dessen Kindersitze vermutlich nicht in das schnittige Cabrio passen werden).
Ist die Entscheidung “pro Hund” gefallen, wird natürlich schon vor Einzug des Vierbeiners ein Grundrepertoire an Ausstattung besorgt. Hier unterscheidet sich ein Hund schon von einem Kind: nein, nicht wegen der Menge des unbedingt benötigten Zubehörs, die ist ähnlich groß. Nur insoweit, als ein Hund nicht so lange wächst wie ein Kind. Die Körbchen können auf Zuwachs gekauft werden – zumindest ein Dackel wird vermutlich sowieso über kurz oder lang den ihm zustehenden Platz im menschlichen Bett einfordern (Ein Hund in meinem Bett? Niemals…), egal, wie viele kuschelige Körbchen zur Verfügung stehen.

Das neue Sofa wird nicht nur nach optischen Gesichtspunkten ausgewählt. Ist der Bezug leicht zu reinigen? Wie sehr haften Hundehaare auf der Oberfläche? Ist es groß genug, damit neben dem Dackel auch noch ein Mensch auf dem Möbel Platz findet?

Wegen der optimalen Hundeernährung werden die Testergebnisse der letzten fünf Jahre auswendig gelernt, in Foren nach dem absolut idealen Hundefutter gesucht, Tierärzte konsultiert und abschließend dann doch das einzige Futter gekauft, das der kleine Wicht denn auch frisst.
Bei Neuhundehaltern (also denen, die zum ersten Mal einen vierbeinigen Begleiter in die Familie aufnehmen), finden sich sehr oft neben mindestens drei nagelneuen Halsbändern ebensoviele Geschirre und Leinen – man weiß ja noch nicht, was für den vierbeinigen Nachwuchs am geeignetsten ist, ist aber für alle Eventualitäten gerüstet. Abgesehen davon polarisiert die Diskussion Halsband versus Geschirr die Hundegemeinde. Es gibt genauso viele stichhaltige Argumente für das Eine wie auch das Andere. Mehrere Körbchen, Decken und natürlich Spielzeug für jede Gemütslage des Hundes (rennen, knabbern, zerstören, jagen oder Intelligenztraining) gehören zur Hundegrundausstattung unbedingt dazu.
Samstags gehört der Besuch einer Hundeschule zum normalen Terminplan. Verbunden mit der immer wieder überraschenden Erkenntnis, dass dort alle Übungen wunderbar funktionieren – die Umsetzung im heimischen Umfeld dagegen doch sehr zu wünschen übrig lässt.

Plötzlich entstehen Kosten an Stellen, an denen man niemals in diesem Umfang damit gerechnet hätte. Ein Hund sollte regelmäßig entwurmt werden und auch einige Impfungen erachte ich für sinnvoll. Und dann wird der Hund krank, nichts Schlimmes – und sorgt dennoch an der Kasse des Tierarztes für überraschte Blicke beim Hundehalter, wenn der zu zahlende Betrag wegen einer kleinen, kurzen Behandlung plötzlich dreistellig ist.

Aber um diese ganzen Kosten geht es mir heute gar nicht. Darüber habe ich hier bereits geschrieben.

Mir geht es um das “emotionale Ding”.

Kosten sind irgendwo kalkulierbar. Der Dackel hat unser Leben komplett umgekrempelt – Motte ist fast wie mein drittes Kind. Für mich selbstverständlich verzichte ich auf viele Dinge. Meine Familie “gezwungenermaßen” auch. Der Sohn “muss” abends im Wohnzimmer daddeln, wenn ich mal unterwegs bin, damit der Dackel auf´s Sofa darf und natürlich nicht so allein ist. Kleinigkeit? Nein, für einen pubertierenden Jugendlichen ein echtes Zugeständnis. Wochenend-Freizeitaktivitäten? Werden natürlich darauf abgestimmt, ob der Dackel mit darf/kann oder ob eine entsprechende Betreuung gewährleistet ist. Sonst unternehmen wir Dinge, die nicht so lange dauern, damit der arme Hund nicht so lange alleine ist.

Motte ist nun ja auch noch ein gehandicapter Dackel. Einige Dinge, wie stundenlange Wanderungen z. B., sind trotz Rolli nicht unbedingt machbar. Sehr zum Leidwesen der Kids, die sich für ihre freie Zeit am Wochenende natürlich nichts Schöneres vorstellen könnten, als mit Mama stundenlang sinnlos durch die (zugegeben) schöne Gegend ohne Internet-Empfang zu laufen. Der Dackel kann nicht mit – daher finden solche Freizeitaktivitäten nicht so häufig statt. Leider gelten diese Argumente aber auch für an sich priorisierte Ausflüge, z.B. in den Freizeitpark. Da wird dann eine entsprechende Alternativ-Betreuung für den Dackel organisiert oder eben die Zeit auf ein hundeverträgliches Maß zusammengekürzt.
Termine werden um die Gassi-Runden herum geplant. Selbst banale Dinge wie einkaufen werden so getaktet, dass vorher oder nachher ausreichend Zeit für Spaziergang oder die Spielstunde ist.
Selbst auf Arbeitszeiten und Jobwahl hat der Vierbeiner Einfluss. Zunächst brauchen berufstätige Eltern einen Babysitter – nun braucht der Vierbeiner einen Hundesitter. Oder an die Hundebedürfnisse angepasste Arbeitszeiten.

Wünsche hat jeder – Heranwachsende haben unverhältnismäßig viele davon, finde ich. Sämtliche vernünftigen “Erklärungsversuche”, warum manche Dinge gerade nicht umsetzbar sind (die Weltreise, der vierwöchige Aufenthalt in einem Vier-Sterne-All-Inclusive-Hotel in der Karibik oder ein Cabrio als Familienkutsche) ziehen nicht wirklich. Die Erkenntnis, dass solche Wünsche sich nicht mit den Bedürfnissen des Dackels verbinden lassen, ist erfahrungsgemäß eingängiger als sämtliche finanziellen Gründe.

Auch ich stelle fest, dass ich mein Leben nicht nur auf meine Kinder, sondern auch auf meinen Hund abstelle. Ich habe die Verantwortung übernommen. Und ich stehe dazu.

Sicher, ich habe damit nicht gerechnet, dass plötzlich nicht mehr alles “normal” ist. Aber ich habe auch mit vielen anderen Dingen, die mein eigenes Leben veränderten, nicht gerechnet.

Abgedroschen, aber wahr: Leben ist Veränderung. Und wir haben ein zusätzliches Familienmitglied, das meiner Meinung nach ebenfalls einen Anspruch auf ein erfülltes Leben hat – auch wenn es nicht so lange dauert wie ein durchschnittliches Menschenleben. Ich bemühe mich, allen gerecht zu werden. In erster Linie meinen Kindern – aber auch der Hund spielt eine wichtige Rolle.

So oft werde ich angesprochen, warum ich diesem nicht mehr ganz gesunden Hund ein Weiterleben ermögliche, meine Wohnung mit Rampen, Rolli, Buggy und Pinkeldecken vollstelle. Meine Antwort ist immer die gleiche: “der Hund ist hinten gelähmt. Vorne ist sie fit wie ein Turnschuh, schmerzfrei, so what…?”

Wenn es hilft, lege ich meine Wohnung eben mit Teppichbahnen aus.
Wenn es hilft, besorge ich ihr den Rolli, mit dem sie sich bewegen kann, wie ein unverletzter Hund.
Wenn es hilft, denke ich über die Teilnahme an der Studie nach, die dem Dackel vielleicht die Bewgungsfähigkeit zurückgibt, nehme Urlaub und fahre selbstverständlich quer durch Deutschland.

Es ist schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Mit Hund potenziert sich der Schwierigkeitsgrad in schwindelerregende Höhen. Dennoch kämen wir niemals auf die Idee, uns deshalb von einem Familienmitglied zu trennen. Wir sind, wie wir sind. Eine Einheit.

Wir richten uns nach dem vermeintlich schwächsten Mitglied. Meine Kinder lernen Rücksicht, Anteilnahme und stecken auch mal zurück. Dafür werden wir vorbehaltslos geliebt, zum Lachen gebracht, in schwierigen Situationen wortlos getröstet.

 

Unbezahlbar.

 

Unser Hund ist nicht “nur ein Tier”.

 

4 Antworten auf „Der Hund als Familienmitglied“

Schreibe einen Kommentar