Der Dackel als Bürohund

Dackel Lucy als Bürohund in einer Ablagekiste

Ich, Dackel Lucy, war eine Zeitlang Bürohund. Mit meinem im Büro gesammelten reichhaltigen Erfahrungsschatz kann ich sagen: überlegt es euch gut, ob ihr wirklich jeden Tag mit eurem Chef zur Arbeit möchtet. Quatsch – es war eigentlich oft sehr lustig dort und vor allem sehr viel kurzweiliger als zu Hause. Das liegt schon alleine daran, dass es im Büro viel mehr Menschen als zu Hause gibt. Außerdem waren im Büro sämtliche Regeln, die hier zu Hause gelten, wie durch Magie außer Kraft gesetzt. Schon allein deshalb, weil der Chef die Regelbrüche oft gar nicht mitbekam und meine Lieblings-Kollegen zu meinem Glück nicht petzten.

Gut, ich musste dort auch viel lernen: laut schmatzend in das Büro des Chefs kommen hat sich z.B. als eher semioptimal herausgestellt:

„Was frisst du da? Woher hast du das? Warst du etwa auf dem Tisch in der Teeküche?!?“ Die Kollegen lautstark zu begrüßen oder zumindest anzukündigen war ebenfalls nicht erwünscht. Vieles, was richtig Spaß macht, war sogar verboten: toben auf dem Flur oder über die Stühle auf den Tisch im Pausenraum klettern. Ich fand es trotzdem immer spannend im Büro und war nach einem Arbeitstag echt geschafft und müde.

Wenn wir ins Büro fuhren, kamen meist im Minutenabstand meine menschlichen Kollegen ins Büro. Einige gingen auch wieder nach kurzer Zeit – aber nie, ohne vorher mit mir zu spielen, mich zu kraulen oder mir heimlich leckere Dinge zuzustecken. Ich war wirklich gerne Bürohund-Dackel.

Begrüßungs-Kuscheleinheit. Der Bürohund-Dackel in Aktion: Kollege sitzt auf dem Boden und krault den Dackel
Begrüßungs-Kuscheleinheit. Der Bürohund-Dackel in Aktion

Den Stress dort konnte ich zunächst gut wegstecken: ich musste ja, sobald ich die Zugangstür klacken hörte, aufspringen und nachschauen, wer da kam. Zunächst schaute ich einfach nur nach, wer da kam und freute mich. Lautlos. Später kündigte ich das dann lautstark an. Für einen Dackel habe ich ein sehr tiefes Bellen, wer mich nur hört und nicht sieht, hält mich für deutlich größer, als ich tatsächlich bin.
Der Chef behauptet, er selbst habe den Moment verpasst, in dem er beim Bellen konsequent hätte einschreiten müssen. Es lag also gar nicht an mir. Mir war das ja klar, aber dass der Chef seinen Fehler zugibt? Selten, sag ich dir.
Es soll ja Zweibeiner geben, die sich durch lautstarkes Bellen eines Hundes von bösen Absichten abbringen ließen. Habe ich gehört. Der Chef sah das anders. Natürlich tat er das. Nie ist er auf meiner Seite, immer will er unbedingt seine Sicht der Dinge durchsetzen. Nach einiger Zeit bestand der Chef darauf, dass ich im Körbchen blieb – sogar, wenn da jemand zur Eingangstür herein kam. Nachschauen als Erster war so für mich unmöglich – immer wollte der Chef unbedingt selbst prüfen, wer da die Tür geöffnet hat. Und oft tat er es noch nicht mal! Er sagte: diesen Schritt oder diese Stimme kenne ich. Alles gut, bleib liegen, bis der Kollege kommt und dich hier begrüßt.

Der Dackel ist im Büro zunehmend angespannt


Kannst du dir meine kaum zu beherrschende Erregung vorstellen? Klar, es gab Kollegen, deren Anwesenheit nahm ich zur Kenntnis und trollte mich dann wieder. Aber es gab auch besondere Zweibeiner, die mir wichtig waren und die ich sehr mochte – die musste ich einfach sofort sehen, begrüßen, herzen und ihnen mitteilen, dass ich sie auch so sehr vermisst hatte! Außerdem sah ich es natürlich als meine elementare Aufgabe im Büro an, den Zutritt zu kontrollieren. Der Chef behauptete, es sei nicht meine Aufgabe. Pah. Ein Dackel ohne Aufgaben sucht sich eben welche (und wer soll dann schon meckern? Ja, du hast es erraten: der Chef). Die Einsicht, dass der Chef da wohl selbst irgendetwas nicht richtig gemacht hatte, kam ihm leider erst ziemlich spät.

Alle freuten auf den Montag und das große Teammeeting – denn da war ja ich dabei, der Bürohund-Dackel

Die meisten Kollegen, die zur Tür hereinkamen, freuten sich, mich zu sehen und waren sofort gut (oder zumindest besser) gelaunt. Da ich meine Gunst natürlich möglichst gleichmäßig verteilte, wanderte ich bei dem großen Montags-Teammeeting immer von einem Schoß auf den nächsten, so, dass jeder Teilnehmer mal in den Genuss meiner Zuneigung kam. Natürlich sprang ich dafür nicht auf den Boden, sondern vertraute auf die Zweibeiner, die mich in meiner Absicht, nun auf den Schoß des Sitznachbarns zu klettern, immer unterstützen.
So richtig konzentriert waren die Teilnehmer des Meetings dann zwar nicht, dafür war aber die Stimmung immer sehr locker und entspannt. Montage waren immer toll! Auch für die menschlichen Kollegen, jedenfalls starteten sie dann mit einem Lächeln in die Woche.

Als Homeoffice-Hund darf man übrigens auch nicht bellen

Dann änderte sich alles und der Chef arbeitete eine Zeitlang nur noch vom Homeoffice aus. Irgend so ein Virus, wegen dem alle Meetings nur noch über einen Bildschirm stattfanden. Langweilig für mich. Homeoffice ist auch arbeiten, nicht anders als sonst, behauptete der Chef. Er hatte, wie so oft, aber natürlich keine Ahnung. Gut, ich musste nicht mehr mitten in der Nacht aufstehen und rausgehen und dann Auto fahren. Dafür sah ich aber auch die geliebten Kollegen nicht – um mich herum waren immer nur die altbekannten Rudelmitglieder. Auch nett, aber manchmal doch eher langweilig.
Auch Motte, der Dackel mit Handicap und leider schon vorangegangen, hatte bereits Homeoffice-Erfahrungen gemacht und davon berichtet: Homeoffice: mit gut erzogenen Chefs eine tolle Sache. Sie hatte da tatsächlich ein paar gute Ideen – die muss ich unbedingt mal ausprobieren!

Schwer arbeitender Dackel im Homeoffice
Dackel unter der Bettdecke, tiefenentspannt.
Schwer arbeitender Dackel im Homeoffice

Die Rückkehr ins Büro – und plötzlich war alles viel anstrengender für mich als früher

Dann war die seltsame Zeit mit den vielen Homeoffice-Tagen vorbei und wir fuhren wieder an ein paar Tagen in der Woche ins Büro. Natürlich sollten jetzt im Büro immer noch die Regeln gelten, die der Chef ursprünglich mal als indiskutabel und endgültig (und damit für mich offiziell zur Diskussion freigegeben) gestellt hatte. Aber hallo? Ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern.


Außerdem fand ich das Büro nicht mehr einfach nur aufregend, sondern ich selbst stand permanent unter Strom und war manchmal echt mit den Nerven fertig, wenn wir endlich wieder nach Hause fuhren. Nach ein paar Versuchen beschloss der Chef: das geht so nicht weiter. Seitdem bin ich kein Bürohund-Dackel mehr. Ich darf zu Hause beim Senior-Chef bleiben und mit ihm in Ruhe frühstücken. Gegen Mittag kommt der Chef aus dem Büro zurück und wir gehen eine große, spannende Runde raus. Und wenn der Chef danach im Homeoffice noch ein bisschen weiterarbeitet, leiste ich ihm gerne Gesellschaft und halte mein Mittagsschläfchen ganz dicht bei ihm.

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich das mal sage: aber diese Lösung, die der Chef sich da ausgedacht hat, gefällt mir tatsächlich sehr gut. Und zu besonderen Anlässen darf ich auch immer noch mit ins Büro, meine menschlichen Kollegen treffen und allen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Passt!

Anmerkung des Chefs: es gibt in diesem Beitrag nicht viele Fotos, weil auf vielen Bildern die menschlichen Kollegen erkennbar mit drauf sind und der Chef diese Bilder nicht ins Internet stellen möchte.

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