Betteln? Nein, ich erziehe mein Rudel.

Manchmal sind meine Zweibeiner ja wirklich amüsant. Sie stellen ausgesprochen gut riechende, essbare Dinge auf einen für einen Dackel aufgrund der Höhe uneinsehbaren Tisch, setzen sich daran und vertilgen dann diese vermutlichen Köstlichkeiten (ohne mich). Früher zweifelte ich in diesen Situationen ernsthaft an meiner Stellung als inoffizielles Rudeloberhaupt – an mich dachte dann nämlich keiner und meine erhöhte Aufmerksamkeit wurde, völlig ungerechtfertigt, als Betteln bezeichnet.

Zunächst nahm ich bei diesen Mahlzeiten einen, damals in meinen Augen, strategisch günstigen Platz direkt neben dem Chef ein und zählte gewissenhaft die Bissen, die er sich, ohne mir etwas abzugeben, in seinen eigenen Mund schob. Schnell merkte ich aber, dass das erstens langweilig, zweitens sinnlos und drittens überhaupt nicht gern gesehen war. Ich änderte also meine Strategie: Nachdem ich realisiert hatte, dass es während der Nahrungsaufnahme der Zweibeiner für mich nichts abgab, schonte ich meine Kräfte (und meine Nerven: wer will sich schon dauernd vom Chef anblöken lassen…).

Ich bleibe nun also immer gemütlich in einiger Entfernung des Tisches liegen und zähle, demonstrativ desinteressiert am Geschehen rund um den Tisch, konzentriert die Haare meiner rechten Pfote – ich bin mir sicher, dass niemand vom Rudel je bemerkt hat, dass ich selbstverständlich mit mindestens einem meiner langen Ohren immer auf ein verräterisches, leises Platsch horche. Dieses Platsch, das z.B. eine von einer Gabel abgestürzte Kartoffel macht, wenn sie auf dem Fußboden auftrifft. Dann, und wirklich erst dann, lohnt es sich, sich in Richtung der essenden Menschen zu bewegen.

Früher habe ich dann gierig sofort verschlungen, was da Essbares aus Richtung Himmel fiel. Aus leidvoller Erfahrung weiß ich aber, dass ich da lieber zweimal hinschaue, bevor ich etwas fresse: ich habe mir schon mal ganz gemein den Gaumen an einem heißen Stückchen Brokkoli verbrannt – und auch schon erleben müssen, dass nicht alles, was von dort oben herunterfällt, auch wirklich lecker ist. Mich schaudert heute noch, wenn ich an den fiesen Geschmack dieser Zwiebelringe denke, die ich vor vielen Jahren mal überstürzt heruntergewürgt habe, nur, damit man sie mir nicht mehr wegnehmen konnte… Die armen Zweibeiner – manchmal bin ich echt froh, dass ich solches Zeug nicht essen muss. Warum sie sich das antun? Bleibt mir wohl immer ein Rätsel. Lieber lasse ich also etwas Vorsicht walten – und die Erfahrung hat mich gelehrt: was einmal auf dem Boden lag, wird eh nicht mehr von den Menschen verspeist und gehört dem Hund – also mir. Es macht also durchaus Sinn, ein wenig Geduld aufzubringen. 

Im Allgemeinen lohnt es sich auch, nach Beendigung der Menschenfütterung ohne Hektik, dafür aber gründlich, den Bereich unter dem Tisch zu inspizieren. Zumindest dort, wo die Nachwuchsschefs saßen, finde ich eigentlich immer etwas Essbares. 

Ich bin ja grundsätzlich sehr dankbar, dass ich einen recht intelligenten Chef mein Eigen nennen darf. Aber manchmal zweifele ich doch ein wenig an ihm:

Bei manchen Mahlzeiten wird extra etwas für mich aufgehoben – ob es nun etwas Gemüse (ich liebe gekochte Möhren!) oder ein wenig Knorpel von Hühnerflügeln ist. Und jedesmal weist der Chef die Jugend an, die mir die Köstlichkeiten dann bringen darf, mir die Leckereien nicht direkt vom Tisch zu geben, sondern in meinen Futternapf zu legen oder abseits vom Tisch aus der Hand zu geben. Oh ja: mein Essen wird mir selbstverständlich gebracht – Betteln wird daher meiner Meinung nach von den Hundekollegen völlig überbewertet.

„Damit Motte nicht weiß, dass es von unserem Tisch kommt und sie auch in Zukunft nicht betteln wird, gebt es ihr in der Küche oder legt es in ihren Napf.“. Damit ich es nicht weiß? Hallo…?

Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass der Chef wirklich daran glaubt, was er da sagt. Von mir aus: da es ihm mit dieser Einbildung offensichtlich gut geht, lasse ich ihn gerne in dem Glauben. Da bin ich doch großzügig.

Ach ja, er muss noch so viel lernen, mein Chef.

 

Im Grunde ist es mir natürlich völlig egal, wo es herkommt: Hauptsache, ich bekomme leckere Dinge; ich führe dafür auch gerne auf Wunsch (oder auch ungefragt) ein paar Kunststückchen auf und lasse mein Rudel weiterhin in dem Glauben,  erfolgreich den aktiven Part in unserer gemeinsamen Erziehung einzunehmen.

Warum wir allerdings auch nach so vielen gemeinsamen Jahren immer noch den Umweg über diesen seltsamen Tisch machen müssen und uns nicht einfach direkt alle aus einer Schüssel bedienen, will sich mir nicht erschließen. Aber ich bleibe dran.

Zu Ostern gab es nun eine besondere Köstlichkeit: ein ganzes, gekochtes Ei. Ich konnte mein Glück kaum fassen – und war, wegen der oben erwähnten durchaus auch mal unangenehmen Erfahrungen, zunächst überaus skeptisch. Aber es war köstlich, seht selbst:

In diesem Sinne: Frohe Ostern!

 

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